Warum Pokémon Go nervt


Pokémon Go erobert in großen Schritten die Welt. Das Augmented-Reality-Spiel für Smartphones kann süchtig machen. Viele Jugendliche haben sich bereits infizieren lassen. Zum Leidtragen vieler Bürger
Es gibt Plagen, die sind einfach nicht totzukriegen. Ob nun die Masern, Kochshows im Fernsehen oder diese unhandlichen Papiertüten, die schnell reißen – trotz allem gesellschaftlichen Fortschritt werden wir nach wie vor damit konfrontiert. Und als wäre das nicht schon genug, ist seit Kurzem eine neue Gefahr im Anmarsch. Doch dieser Virus befällt nicht den Körper, sondern nistet sich in die Smartphones dieser Welt. Die Rede ist von dem neuen Spiel Pokémon Go.

Pokemon Go 2
Pokémon erobert die Welt

Eigentlich war alles bereits überstanden: Als Mitte der 90er-Jahre die erste Pokémon-Welle nach Europa schwappte und Millionen von Jugendlichen infizierte, konnte man nur hoffen, dass der Hype um Pickachu, Glurak und Woingenau irgendwann abflachte. Nach zig Ablegern mit den etwas einfallslosen Namen wie Blaue, Rote und Goldene Edition, einer Zeichentrickserie und Unmengen an Merchandise-Artikeln war es dann schließlich so weit: Die Taschenmonster (denn das bedeutet das Wort Pokémon) zogen sich in ihr Ursprungsland Japan zurück. Und so schien es, als ob Pokémon langsam in Vergessenheit geraten würde. Doch die Ruhe war trügerisch. Denn seit Juli dieses Jahres sind die kleinen Monster zurück. Und sie machen süchtig wie nie zuvor.

Pokémon Go ist ein so genanntes Augmented-Reality-Spiel. Das heißt, es verknüpft Spielinhalte und Grafiken mit echten (Video-)Aufzeichnungen der Umgebung. Dabei greift das Spiel auf die Standortdaten des Spielers zu. Der Spieler stapft also durch die reale Welt auf der Suche nach den namensgebenden Pokémon. Hat er eines erspäht, so muss er dieses mit einem passenden Pokéball einfangen. Eine wichtige Rolle übernehmen hierbei die Pokéstops. Das sind Orte, an denen sich besonders viele Pokémons tummeln. In der realen Welt können dies etwa Parks oder Sehenswürdigkeiten sein. Doch auch auf Straßen und sogar auf Friedhöfen sollen schon häufiger Pokémon gesichtet worden sein.

Spiel an, Hirn aus

Und da liegt genau das Problem. Denn die meiste Zeit bleibt der Blick der Monsterjäger stur auf das Smartphone gerichtet. Die Umgebung wird nahezu vollständig ausgeblendet. Beinah-Zusammenstöße mit anderen Verkehrsteilnehmern sind da fast schon vorprogrammiert: In den USA hat ein Spieler einen Autounfall verursacht, zwei andere stürzten von einer Klippe und mussten darauf hin leicht verletzt geborgen werden. Doch auch in Deutschland häufen sich die Vorfälle. So hat sich etwa die Bundeswehr darüber beklagt, dass unvorsichtige Spieler in Schießübungen mit scharfer Munition gelangen.

„Ja, Moment mal“, tönt es da erbost aus diversen Internet-Foren. Pokémon Go sorge doch wenigstens dafür sorgt, dass die Jugendlichen mal wieder ein paar Schritte vor die Tür machen. Doch was nützt ihnen das, wenn sie dabei sich selbst und andere in Gefahr bringen? Zudem geht es einem gehörig auf die Nerven, wenn beispielsweise in einem Park oder in der Nähe eines Restaurants ständig irgendwelche Smartphone-Zombies ziellos umherschleichen. Noch schlimmer wird es, wenn die Monsterjäger motorisiert sind. Dann fahren plötzlich Autos mit ortsfremden Nummernschild vor, aus dem hastig mehrere Leute steigen. Sie schauen sich kurz um, um dann ebenso eilig wieder zu verschwinden.

Pokemon Go 1
Pokémon Go Away

Kann sich eigentlich noch irgendjemand daran erinnern, als Computer- und Videospiele noch wirklich Spiele waren; Spiele mit Anspruch und Komplexität? Heute dominieren die so genannten Casual Games. Das sind Spiele, die weder großes Geschick noch Intelligenz voraussetzen. Vorgänger oder Prototypen davon gab zwar schon früher. Ja, man könnte sogar behaupten, dass die gesamte Gaming-Industrie ihre Wurzeln in den Casual Games hat. (Tetris oder der Game Boy wären treffende Beispiele.) Doch auch wenn diese Spiele leicht zugänglich waren, meistern konnten sie nur wenige. Pokémon Go hingegen ist das jüngste Beispiel seelenloser Bildschirm-Wischerei, wie sie derzeit auf Smartphone häufig anzutreffen ist. Bleibt also nur zu hoffen, dass dieser Hype bald vorüberzieht. Oder vielleicht entwickelt irgendjemand doch noch das entscheidende Gegenmittel.

Bildquelle: The Pokémon Company, Story|Modus





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